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Der Drehbuchautor (hier und im folgenden
sind mit dieser Form selbstverständlich auch alle Drehbuchautorinnen
eingeschlossen) schreibt den Film. Ohne Drehbuch kein Film! Das
Drehbuch ist die Partitur des Films, die Verbindung aller Elemente
des Films zu einer stimmigen Komposition. Das Drehbuch wird von
den künstlerischen Mitarbeitern interpretiert. Es ist geschrieben
für Fachrealisatoren, die Drehbücher lesen können.
Das Drehbuch schafft einen Mikrokosmos, in dem Charaktere Konflikte
durchmachen und lösen. Er ermöglicht dem Publikum, an
exemplarischen Erfahrungen der Charaktere teilzunehmen. Geschichten
in Drehbuchform erzählen, heißt Wirkungen erzielen. Bei
seiner Arbeit hat der Drehbuchautor daher ständig das mündige
Filmpublikum im Blick, das er in die Welt einführen will, die
im Drehbuch geschaffen wird.
Die Arbeit an einem Drehbuch vollzieht sich in der Regel in mehreren
Etappen. Sie schlagen sich in unterschiedlichen literarischen Formen
nieder und münden in die dramatische Kunstform Drehbuch ein.
1. Recherchen
Von allen Künsten ist der Film das Medium, das sich am genauesten
und vielfältigsten auf Wirklichkeit bezieht. Erst auf der Basis
präziser Beobachtung und Sachkenntnis werden daher Personen
und Konflikte glaubhaft, lassen sich aussagekräftige Schauplätze
finden und ebenso wie Requisiten effektiv in die Geschichte einbeziehen.
Der Drehbuchautor muß seine Vorstellungen z.B. von den Berufen
und dem Alltag der handelnden Personen und allen Aspekten der Wirklichkeit,
die in seiner Geschichte vorkommen, ständig überprüfen.
Nicht belehrender Gestus, sondern Neugier und ein unverstellter
Blick auf Realität sind Teil seiner Profession. So vermeidet
er Klischees und läßt das Publikum an Erfahrungen teilhaben.
Dazu muß der Filmautor in der Lage sein, sich Sachkenntnisse
über den Gegenstand zu verschaffen (wenn er sie nicht schon
besitzt), von dem seine Geschichte handeln soll. Besonders wenn
Stoffe nicht aus der Lebenswelt des Autors stammen, können
die erforderlichen Recherchen sehr umfangreich sein. Dazu können
Gespräche mit Experten ebenso gehören wie das Studium
von Fachliteratur oder das Eintauchen in ein Milieu.
2. Exposé
Das Exposé enthält die Idee der Geschichte, den künstlerischen
Einfall, der das Interesse eines Zuschauers wecken wird, und die
erste Fixierung der Grundelemente, aus denen die Geschichte geformt
werden soll:
- Ort und Zeit
- Hauptfiguren
- Blickwinkel, unter dem erzählt wird
- der Konflikt, um den es in der Geschichte geht
- kurze Beschreibung der herausragenden Entwicklungen des Plots
- Höhepunkt und Schluß der Geschichte.
3. Treatment
Oft schließt an das Exposé eine nach Szenen gegliederte
ausführliche Filmerzählung an: das Treatment. Es ist beschreibend,
kommt noch ohne Dialoge aus, enthält bereits die Handlungsstränge,
Schlüsselszenen und Schauplätze. Stärker als im späteren
Drehbuch kann der Autor in der Filmerzählung seine Hauptfiguren
psychologisch ausdeuten, Facetten seiner Charaktere ausprobieren,
ohne sie durch einen konkreten Dialog oder eine konkrete Handlung
zu belegen. Deutlich wird, wie Handlungslinien sich miteinander
verbinden.
Eine Norm, wie ein Treatment auszusehen habe, gibt es ebensowenig
wie für das Exposé.
4. Drehbuch
Das Drehbuch enthält in der Regel alle Dialoge, Deskriptionen
der Schauplätze und räumlich-zeitlichen Abläufe,
ferner Angaben über aussagekräftige Requisiten, Kostüme,
über Töne, Geräusche, und Musik, Licht, Stimmungen,
Farben.
Jedes Drehbuch erzählt eine Geschichte (in diesem Sinne ist
es ein abgeschlossenes Werk) und ist zugleich eine Handlungsanweisung
(in diesem Sinne ist es integraler Bestandteil des zu schaffenden
Films). Eine technische Besonderheit des Drehbuchschreibens ist
darum die parallele Schreibweise: Es trennt deutlich zwischen visueller
und akustischer Ebene, zwischen bildbeschreibender und figurenzentrierter
Dialog-Ebene.
Das Drehbuch unterscheidet sich vom "technischen Drehbuch" oder
"shooting script", indem es auf die Auflösung in detaillierte
Kameraeinstellungen verzichtet. Implizit sind solche Kameraeinstellungen
im Drehbuch als Handlungsanweisungen für Regisseur und Kameramann
sehr wohl enthalten. Steht im Drehbuch zum Beispiel "seine Hände
zittern", so wäre eine Totale eine Vergewaltigung der Geschichte.
Der Drehbuchautor hat für alle nicht sichtbaren Gefühle,
Gedanken, Stimmungen seiner Figuren sichtbare oder hörbare,
d.h. sinnlich wahrnehmbare Äquivalente geschaffen.
Gleichzeitig arbeitet das Drehbuch mit den Gesetzmäßigkeiten
eines dramatischen Kunstwerkes. Es muß ihnen nicht einfach
folgen, es kann damit auch spielen. Aber der Autor muß sie
kennen und bewußt benutzen. Ebenso sollten sie dem Leser eines
Drehbuches vertraut sein.
Der Drehbuchautor legt fest, was der Charakter tut, um sein gestecktes
Ziel zu erreichen. Er entwickelt Nebenhandlungen, die den Konflikt
der Hauptfigur spiegeln, führt die Charaktere in eine Reihe
von Krisen, vertieft unsere Erwartungen, die wir an die Figuren
knüpfen.
Er stellt einen Charakter vor, der ein Ziel hat und äußere,
innere, zwischenmenschliche Konflikte, die ihm dabei im Wege sind.
Er vermittelt die notwendigen Hintergrundinformationen, vor allem
aber auch ein Gefühl für den Stil, in dem die Geschichte
erzählt wird (z.B. für das Genre). Dazu gehören auch
bevorzugte Stilmittel des Autors des Films: z.B. eine Erzählerstimme,
Rückblenden, eine episch angelegte oder dramatisch akzentuierte
Geschichte.
Der Drehbuchautor schafft in der Geschichte, die er erzählt,
eigene Symbolwelten, indem er Gegenstände, Geräusche,
Musik, Bewegungen etc. mit Bedeutung auflädt. Er charakterisiert
Figuren durch eine individuelle Sprache. Dazu gehört auch der
Subtext, die versteckte bewußte oder unbewußte Absicht
hinter den Worten. Das, was der Filmautor die Figuren sagen läßt,
ist nicht immer identisch mit dem, was sie kommunizieren. Unter
der Oberfläche versteckt sich eine andere Bedeutung.
Das Drehbuch definiert den personellen, technischen und ökonomischen
Aufwand des Herstellungsprozesses. Dazu gehören Dekoration,
Kostüme, Ausstattung usw. Das Drehbuch enthält alle wesentlichen
Elemente des künftigen Films und berücksichtigt filmische
Notwendigkeiten. Es bildet, auch wenn die Arbeit am Drehbuch abgeschlossen
ist und der Autor nicht am Drehort erscheint, die Arbeitsgrundlage
für die Vorbereitung und eine Handlungsanweisung für das
Drehen des Films. Daher geht das Drehbuch in den Film ein und ist
als konstitutiver Bestandteil nicht von ihm zu trennen.
5. Verhältnis zu anderen Berufen der Filmbranche
Der Drehbuchautor arbeitet in der Regel schon frühzeitig mit
Redakteuren, Produzenten und Producern zusammen. Sie formulieren
ihre Erwartungen an die Geschichte und den fertigen Film und sind
dem Drehbuchautor kritische Gesprächspartner. Je erfahrener
und besser ausgebildet sie sind und je mehr sie selbst vom story
telling verstehen und davon, wie man dramatische Wirkungen erzielt,
um so besser für alle Beteiligten und die Geschichte, um die
es geht.
Der Regisseur als der Urheber der Inszenierung ist ebenfalls ein
wichtiger Gesprächspartner des Filmautors. Thema, Handlung,
Figurenentwicklung, Dialoggestaltung, inhaltliche Aussage sind Teil
der geistigen Schöpfung, die der Autor erbracht hat und die
der Regisseur in seiner Inszenierung interpretiert.
Quelle und mehr Information:
Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V.
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