NineEmotionale Resonanz kaum vorhanden -  Neu im Kino
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Mittwoch - 03. März 2010 - 20:35
Wer kennt heute noch “Fellinis 8 1/2"? Sicherlich nur noch die Cineasten älteren Alters. Und wie viele von ihnen wollen heute knallbunte Musicals sehen?! Die Zielgruppe scheint zunächst einmal sehr klein. Das muss nicht viel heißen. “Nine” bietet ja eine Handvoll echter Stars, die auch wirklich attraktiv und optisch brillant in Szene gesetzt werden. Und für die Wirkung eines Tanzfilms ist die Story in der Regel deutlich weniger relevant als in anderen Genres. Dennoch: “Chicago” oder “Moulin Rouge” wurden nicht nur durch ihre Mischung aus Spannung, Musik, Choreographie und einen Rausch der Ausstattung Welterfolge, sondern auch wegen des ‘human factor’ ihrer Geschichten.
Wie viel hat hier “Nine” zu bieten? Fellinis existenzialistischer Kultfilm von 1960 entstammt einer Zeit, als Autorenfilmer als Halbgötter der Gegenwartskultur gefeiert wurden.Wenn ein Regisseur in die Schaffenskrise geriet, war der Öffentlichkeit jedes Mittel recht, das blockierte Genie wieder zur Produktivität zu bringen. Man sah großzügig darüber hinweg, wenn bei Fellini der blockierte Künstler die Ehefrau belog und mit der Geliebten betrog. Das Drama bestand in einem existenzialistischen Ringen eines Künstlers um das Werk, das seinen Weltruhm sichern soll.
Heute ist das anders. Filmemacher, und vor allem der Filmemacher aus NINE, Guido Contini (Daniel Day-Lewis), wirken in erster Linie als hoch bezahlte Manager, als kreative und aufgeputschte Antreiber einer großen Truppe von Menschen. Der Geniekult, der um Contini gemacht wird, wirkt anachronistisch und kaum noch glaubhaft. Entsprechend erlebt man seine rücksichtslose Haltung gegenüber allen seinen Mitarbeitern weit anmaßender als bei Fellini. Contini ist in erster Linie ein richtungsloser Lügner und Betrüger, der am Ende sein Team ratlos und allein zurücklässt – nur weil ihm nicht eingefallen ist, wovon sein Film handeln soll. Die Illoyalität ist beträchtlich.
Die Verschiebung der Gewichte ist insofern aufschlussreich, als Fellinis Film konsequent auf den totalen Zusammenbruch des Künstlers hinsteuert. Guidos Versagen kurz vor Schluss des Films, sein künstlerischer Offenbarungseid wird im älteren Film als eine Form von ausgleichender Gerechtigkeit wahrgenommen. Der vom Größenwahn befallene Künstler stürzt tief, die Katharsis wirkt intensiv, und das Publikum ist einverstanden.
In “Nine” hingegen steht die Flucht vor der Pressekonferenz am Anfang, und damit ist das Scheitern der Protagonisten schon von Beginn an klar. Contini badet gleichsam in seiner Einfallslosigkeit. Ein echtes commitment, ein Ringen um den FIlm ist kaum spürbar. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Film gedreht wird, bleibt von Beginn an bei Null. So wirkt die dramatische Spannung ungleich schwächer. Insofern tritt die Illoyalität der Hauptfigur nochmals stärker in den Vordergrund.
Hinzu kommt, dass all das, was die Songs und Tanzeinlagen zeigen, ja nur im Kopf des Regisseurs stattfindet. Auch dies steigert den Eindruck eines sich steigernden Ego-Trips.
Doch auch die phantastische Verwandlung am Schluss von “Fellinis 8 1/2" wird in “Nine” verfehlt. Denn während Guido im älteren Film im Augenblick der tiefsten Niederlage plötzlich wieder zurück zur alten, ursprünglichen visionären Kraft findet – ein Abschlussbild von hinreißendem Gemeinschaftsfaktor! – steht im Remake eine zweijährige, etwas selbstmitleidige Schaffenspause des Regisseurs. Warum darf er dann auf einmal doch noch den neuen Film drehen? Dieses späte Happy-End bleibt rätselhaft und unglaubwürdig.

Nine bleibt daher auf der dramatischen Ebene weit hinter der (ohnehin nicht gerade auf ’suspense’ hin konzipierten) Vorlage zurück. Das Ergebnis ist ein recht spannungsarmes Szenario mit einem weitgehend illoyalen Protagonisten, der am Schluss mit einer Art “Wunder” belohnt wird, das er nicht verdient.
Wie sehr die Zuschauer durch die Musik- und Tanzeinlagen, die tollen Bilder und vielen Stars zwischendurch dann doch noch auf ihre Kosten kommen, ist schwer zu sagen. Einen echten, mitreißenden Drive entfaltet “Nine” aber vermutlich mehrheitlich nicht.
NINE
Buch: Michael Tolkin
Anthony Minghella
Regie: Rob Marshall
Darsteller:
Daniel Day-Lewis
Marion Cotillard
Sophia Loren
Judi Dench
Penélope Cruz
Nicole Kidman
Stacy Ferguson
Kate Hudson
Ricky Tognazzi
u.v.a.
Fotos: © Senator
MARKTPROGNOSE:
Die positiven Marktfaktoren müßten eigentlich für Zahlen zwischen 100.000 und 150.000 ausreichen. Viel weiter aber dürfte der Film angesichts der dramatischen Schwächen kaum kommen. Verglichen mit den Markterfolgen von “Chicago” und “Moulin Rouge” wäre das sehr enttäuschend – und einem Szenario geschuldet, das den ‘human factor’ weitgehend mißachtet.
Von Roland Zag
Anmerkung zu dieser Besprechung:
"Der Publikumsvertrag. Emotionales Drehbuchschreiben mit 'the human factor'" von Roland Zag - Erscheinungsdatum: September 2005, sowie auf der Website the-human-factor.de
Im Zentrum des Interesses steht die Analyse der zwischenmenschlichen Verhältnisse - Es handelt sich bei unseren Besprechungen NICHT um Filmkritiken.
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