Henri 4Die ideelle Ebene fehlt komplett -  Neu im Kino
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Montag - 08. März 2010 - 15:47
Die äußeren Faktoren, sich dieses Themas in Deutschland anzunehmen, liegen nicht gerade auf der Hand. Die Vorlage von Heinrich Mann ist hierzulande wenig populär, und die historischen Kenntnisse des Publikums in Sachen Hugenotten vs. Katholiken dürften sich in Grenzen halten. Zwar kennt man ähnliche Auseinandersetzungen aus der deutschen Geschichte – aber um diese Story zu verfilmen, braucht es zwingende dramaturgische Gründe, starke Charaktere und unvergessliche Alleinstellungsmerkmale. Seit der Uraufführung ist HENRI 4 auf einhellige, zuweilen höhnische Ablehnung gestoßen. In der Tat können viele Szenen als unfreiwillig komisch wahrgenommen werden. Für die an der Produktion Beteiligten ist das fast eine Demütigung, die zunächst ungerechtfertigt erscheint.
HENRI 4 ist im eigentlichen Sinne auf gar keinen Fall ein “schlechter” Film, sondern eine professionell hochwertige Produktion, an der eine Menge herausragender Darsteller, Kameraleute, Ausstatter usw. ihr Bestes gegeben haben.
Aber der Film basiert auf einem Drehbuch, das es dem Zuschauer fast unmöglich macht, die Figuren als Menschen erkenntlich zu machen. Die elementarsten Grundregeln des ‘human factor’ wurden außer Acht gelassen. Die z.T. hervorragenden Darsteller werden zu Exaltationen genötigt, die nur dann nachvollziehbar wären, wenn man als Zuschauer erkennen könnte, WARUM diese oder jene Problemstellung sie so beschäftigt. Dazu nimmt sich die Dramaturgie aber nicht die Zeit. HENRI 4 besteht aus lauter Höhepunkten, deren Hinleitung und Entwicklung fehlt. Hier wurden grundlegende Fehler gemacht wurden, die zu einem desaströs teuren Debakel führen mussten. Bevor Millionen verschleudert wurden, hätten ein paar Tausend Euro ausgereicht, um das Drehbuch ernsthaft zu prüfen.
So fehlt etwa die ideelle Ebene komplett – und gerade um sie dreht sich doch alles! Der Unterschied in der Glaubensauffassung zwischen Hugenotten und Katholiken wird in keiner einzigen Szene herausgearbeitet. Insofern bleibt auch die Leistung von HENRI (Julien Boissellier), der auf Versöhnung und Vermittlung hinarbeitet, eine szenisch nicht umgesetzte Behauptung. Man SIEHT nicht, worin sich die beiden verfeindeten Seiten unterscheiden, und man kann nicht mitverfolgen, mit welch diplomatischem Geschick Henri beide Seiten an denselben Tisch bekommt. Seine eigene Haltung zu Glaubensfragen wird einfach übergangen.
Hinzu kommt, dass zwar immer wieder vom “Volk” gesprochen wird, es aber nie vorkommt. Diejenigen, für die er sich angeblich stark macht, erhalten keine Stimme. Insofern bleibt die soziale Relevanz sehr gering – was im Falle eines historischen Stoffes besonders negativ zu Buche schlägt.
Doch auch die Figur des Henri erscheint nicht etwa als aktiver Gestalter der Geschichte. Viel eher nimmt man ihn als Spielball von Ereignissen wahr: etwa wenn er MARGOT (Armelle Deutsch) heiratet und Katholik wird, aber die Bartholomäusnacht nicht verhindern kann; oder wenn er selbst aus Staatsraison verschont wird, aus Paris mit fremder Hilfe flieht, Kriege führt, die er nicht will und letztlich eine Frau heiratet, die er hasst. Ganz selten tut er das, was er will – und nie nimmt er dazu Stellung.
Menschliche Bindungen findet man kaum im Ansatz: weder zu seiner Schwester (Sandra Hüller), noch den Beratern AGRIPPA (Joachim Kròl) oder DE BARTAS (Andreas Schmidt), noch zu Margot und vielen anderen. Die einzige menschliche Regung zeigt Henri immer dann, wenn attraktive Frauen ins Bild treten. In der nächsten Szene liegt er dann mit ihnen im Bett, in der übernächsten hat er sie womöglich schon wieder vergessen. Loyalität kommt nur vorübergehend vor.
Vor diesem Hintergrund darf es nicht überraschen, dass HENRI 4 sich nahtlos einreiht in die Geschichte jener Flops, bei denen besonders viel Geld auf besonders schwache Drehbücher verwendet wurde: “Marlene”, “Der Rote Baron” und HENRI 4 stehen sich da in Nichts nach. Man kann nur hoffen, dass diese bittere Lehre von Seiten der Verantwortlichen ein Umdenken nach sich zieht.
HENRI 4
Buch: Jo Baier, Cooky Ziesche
Regie: Jo Baier
Darsteller:
Julien Boisselier
Joachim Król
Roger Casamajor
Andreas Schmidt
Armelle Deutsch
Chloé Stefani
u.v.a.
Fotos: © Central Film
MARKTPROGNOSE:
Die schwachen äußeren Faktoren sowie die schlechte Vorab-Berichterstattung dürfte zu Ergebnissen führen, die am Kinomarkt deutlich unter 50.000 liegen könnten. Damit allein wäre aber der Mißerfolg noch nicht besiegelt. Denn noch steht die Fernsehausstrahlung aus – und dort dürfte sich die emotionale Leere der Figur und der erzählten Geschichte noch deutlicher niederschlagen.
von Roland Zag
Anmerkung zu dieser Besprechung:
"Der Publikumsvertrag. Emotionales Drehbuchschreiben mit 'the human factor'" von Roland Zag - Erscheinungsdatum: September 2005, sowie auf der Website the-human-factor.de
Im Zentrum des Interesses steht die Analyse der zwischenmenschlichen Verhältnisse - Es handelt sich bei unseren Besprechungen NICHT um Filmkritiken.
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