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Pippa Lee

Überfülle an existenziellen Themen -

Neu im Kino

Freitag - 16. Juli 2010 - 15:05

Selten steht der Eindruck der Literaturverfilmung so im Vordergrund wie hier. Die enorme Bandbreite an angerissenen Themen deutet darauf hin, dass es sich um einen Film handelt, der das Kondensat aus einem episch angelegten Werk darstellt. Dies lässt sich schon an der zweigleisigen Erzählstruktur ablesen, die auf der Gegenwartsebene lange Zeit nicht viel Neues bietet, auf der Ebene der Rückblenden aber ein ganzes Arsenal von gewichtigen Problemen aufwirft. Jedes für sich könnte schon abendfüllend sein.




Der Trailer zu PIPPA LEE:




Da ist die tablettenabhängige, manisch-depressive Mutter, die dem Kind Pippa das Leben schwer macht. Dass hier ein soziales Ungleichgewicht samt Empathieentwicklung vorliegt, ist klar. Doch gleich geht es weiter: es folgt eine Episode bei der lesbischen Tante samt allmählichem Abgleiten in pornografische Niederungen, Drogen, (vermutlich) jede Menge Sex und – sehr wichtig – die Begegnung mit dem späteren Ehemann HERB (Alan Arkin). All dies wirft große zwischenmenschliche Fragen auf, für die sich das Drehbuch kaum Zeit lässt. Dass die Liaison, die später zur Ehe führt, mit dem Selbstmord von Herbs erster Frau erkauft wird, kann gerade mal angerissen, aber nie vertieft werden.

Durch diese Überfülle an existenziellen Themen der Vergangenheit leidet die Gegenwart. PIPPA (Robin Wright Penn) führt an der Seite des stark gealterten Herb ein eher passives Leben. Dass sie dabei zunehmend eine innere Leere erlebt und auch den Kürzeren zieht (weil sie später dann auch betrogen wird), ist spürbar, aber findet kaum Zeit, um sich zu entfalten.

Überspitzt gesagt, verfügt der Film streng genommen über kaum eine “Handlung”, weil man nur in den seltensten Momenten (und erst gegen Ende) davon sprechen kann, dass irgendjemand aktiv wird. Gewiss – da kommt es zu spannenden Entdeckung, dass Pippa als Nachtwandlerin unterwegs ist. Was zum Hauptthema werden könnte – doch es bleibt Episode. Da ist vor allem der problematische Ex-Jesuit CHRIS (Keanu Reeves), mit dem Pippa eine immer enger werdende Beziehung eingeht. Hier keimt ein wenig Austausch und menschliche Nähe auf. Doch die Geschwindigkeit, mit der diese Verbindung zum Sex führt, weist wieder deutlich auf die Hast hin, mit der hier Alles, aber auch wirklich Alles angerissen und abgehandelt werden muss.

Insofern kommt einem der abgroschene Satz “Das Buch war besser” in den Sinn. Es ist zwar schmerzhaft, solche Platitüden zu äußern – wer weiß schon, was “besser” ist? Dennoch ist klar, dass “Pippa Lee” unter einer Überfülle an Motiven krankt, die entweder radikal hätten zugespitzt werden müssen (was den Verlust von vielen reizvollen Nebenfiguren zur Folge gehabt hätte). Oder aber man hätte sich zur Einsicht durchringen sollen, dass es Bücher gibt, die sich eher zur Verfilmung eignen als dieses.

Pippa Lee

Buch und Regie:
Rebecca Miller

Darsteller:
Robin Wright Penn
Keanu Reeves
Julianne Moore
Winona Ryder
Monica Bellucci
Alan Arkin
Maria Bello
Mike Binder
u.v.a.
Fotos: © Senator


MARKTPROGNOSEN:

“Pippa Lee” startet in ein äußerst schwaches Marktumfeld – der plötzliche Sommer, die Fußball-WM, die Open-Air-Gegenangebote, sie alle machen den Start des Films schwer. Wie erfolgreich das Buch war, lässt sich schwer ermitteln. Insofern sind Prognosen besonders ungenau. Auf jeden Fall wird es eine Zahl von Lesern geben, die den Film zum Buch sehen wollen; und es wird Leute geben, die das Buch eigentlich interessiert, es aber beim Film belassen. Aber werden es sehr viele sein?

Wirklich aus sich selbst heraus vermag der Film “Pippa Lee” trotz aller anrührenden und für sich gesehen starken Motive kaum wirklich intensiv zu wirken. Man hat zu sehr den Eindruck, nur aneinander gereihte “Plot Points” und Höhepunkte anstatt echter dramatischer Entwicklungen zu erleben. Im Winter hätte “Pippa Lee” dennoch vielleicht das Potenzial für ein Ergebnis um die 200.000 Zuschauer.

Doch im Augenblick kann man sich fragen, ob überhaupt sechstellige Zahlen in Reichweite kommen. Man kann sich pessimistischer Weise ein Abschneiden bei 80.000, idealer Weise bei 120.000 Zuschauern vorstellen. Alles darüber wäre eher überraschend.
von Roland Zag



Anmerkung zu dieser Besprechung:

"Der Publikumsvertrag. Emotionales Drehbuchschreiben mit 'the human factor'" von Roland Zag - Erscheinungsdatum: September 2005, sowie auf der Website the-human-factor.de
Im Zentrum des Interesses steht die Analyse der zwischenmenschlichen Verhältnisse - Es handelt sich bei unseren Besprechungen NICHT um Filmkritiken
.

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>> Offizielle Website
>> Roland Zag: Der Publikumsvertrag



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